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Experten sehen Kollaps des Glasfasermarktes in Deutschland

Experten sehen Kollaps des Glasfasermarktes in Deutschland

Donnerstag, 02.11.2023

Nach dem Hype der letzten Jahre rutscht die Glasfaserbranche in die Krise. Die Bewertungen sind
eingebrochen. Manche Anbieter stehen vor der Pleite. Kunden sollten sich auf Verzögerungen einstellen.
Das Ziel ist klar definiert: Bis 2030 soll in jedem Haus in Deutschland eine Glasfaserleitung liegen. So ist es
in der „Gigabitstrategie“ der Bundesregierung festgehalten, die den Bürgern endlich zuverlässige und
schnelle Internetanschlüsse bescheren soll.

Tatsächlich floss in den vergangenen Jahren Kapital in Milliardenhöhe in die Branche, rissen Anbieter wie
Netcologne oder die Deutsche Telekom in vielen Orten eifrig die Straßen auf, um die neuen
Highspeed-Leitungen zu verlegen.

Mittlerweile halten hochrangige Branchenvertreter die Erreichung des Gigabitziels nach Recherchen des
Handelsblatts jedoch für unrealistisch. Die Euphorie des Anfangs ist vielfach einer tiefen Ernüchterung
gewichen. Ausländische Investoren erwägen bereits, den deutschen Markt wieder zu verlassen. Kleineren
Firmen droht sogar die Pleite. Selbst große Glasfaseranbieter haben Mühe, ihre Ausbaupläne „bis ins Haus“
pünktlich umzusetzen – und zu finanzieren.

Darauf deuten Gespräche mit Unternehmenschefs, Beratern und Banken hin. „Der Glasfasermarkt kollabiert
gerade“, warnt der Geschäftsführer eines großen Anbieters.
Laut einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group und der Personalberatung Egon Zehnder, die dem
Handelsblatt exklusiv vorliegt, brachen die Bewertungen von Glasfaserunternehmen bereits in diesem Jahr
um bis zu 30 Prozent ein. Deutschland stehe in Sachen Glasfaser vor einem „Moment der Wahrheit“,
schreiben die Autoren. Vor allem kleinere Unternehmen würden zunehmend ums Überleben kämpfen.
In der Niedrigzinsphase sei der Glasfasermarkt „overhyped“ gewesen, sagt einer der Topberater der
Branche. Die ursprünglichen Annahmen, die neben monopolbedingten „Ewigkeitsrenditen“ einen zügigen
Ausbau sowie eine Auslastung der Netze prophezeiten, haben sich in vielen Fällen als zu optimistisch
erwiesen. Zumal auch die Tiefbaukosten immer weiter steigen.

Interne Planzahlen würden nicht erreicht oder Projekte würden gestoppt, heißt es aus mehreren
Unternehmen. Zudem fehlten erste Umsätze, weil vor allem der Bau der „letzten Meile“ bis in die Wohnung
Probleme bereite.

Darunter leiden nicht nur die Anbieter. Viele Kunden, die bereits einen Vorvertrag unterschrieben haben,
werden wahrscheinlich deutlich länger auf ihren Anschluss warten müssen als zunächst versprochen. In der
Branche ist das längst bekannt – öffentlich will jedoch kaum ein Anbieter die Probleme einräumen.
Es wäre zusätzliches Gift für den Vertrieb. Schon heute leidet er darunter, dass in Deutschland kaum ein
Kunde dazu bereit ist, für einen schnellen Anschluss mit Gigabitgeschwindigkeit satte Aufschläge zu zahlen.
Günstigere Angebote sind DSL- oder Kabelanschlüssen in der Regel jedoch nicht überlegen. Langfristig
wäre ein Wechsel zwar dennoch sinnvoll, aber viele Kunden schieben die Entscheidung dann lieber auf.
Vodafone: Glasfaser-Joint-Venture hat noch immer keinen Chef

Manche Anbieter sind deshalb schon froh, wenn in einem Ausbaugebiet 15 Prozent der Haushalte auch
wirklich einen Vertrag unterschreiben. Die Deutsche Glasfaser, nach der Telekom der größte Anbieter des
Landes, ist bereits sehr stolz, für sich einen Durchschnittswert von 30 Prozent zu verkünden. Dabei wären für
einen rentablen Betrieb in der Regel mindestens 60 Prozent nötig.

Gerade ausländische Investoren sind deshalb verunsichert. So soll die britische Infrared den Verkauf ihres
Anteils an der vergleichsweise soliden Deutschen Giganetz geplant haben, einem der größeren Anbieter der
Bundesrepublik. Angesichts fehlender Bieter habe sich Infrared vorerst jedoch dagegen entschieden, heißt es
in Finanzkreisen. Eine Anfrage dazu ließ Infrared unbeantwortet.

Die prekäre Marktlage und die teure Schuldenlast setzen auch Altice zu. Erst vor einem Jahr hatte das
Unternehmen des französischen Telekom-Tycoons Patrick Drahi zusammen mit Vodafone eines der
ambitioniertesten Glasfaser-Joint-Ventures Deutschlands gegründet. Sieben Millionen Anschlüsse will das
Unternehmen mit dem Namen OXG in den nächsten Jahren verlegen.

Doch bislang machen die Düsseldorfer eher mit Problemen von sich reden. CEO Christian Böing verließ
OXG im September nach nur wenigen Monaten im Amt für ein besseres Angebot. Seitdem fehlt eine
Führungsfigur, die den Ausbauhochlauf vorantreibt. Insidern zufolge soll die Personalberatung Egon Zehnder
nun zeitnah für Ersatz sorgen. Vodafone teilt dazu auf Anfrage mit, dass der Auswahlprozess andauere.
Investor Altice fiel derweil neben einer Korruptionsaffäre vor allem mit seinen immensen Verbindlichkeiten
auf. Offenbar wollen die Franzosen deshalb Unternehmensteile zum Verkauf stellen. Vodafone sei deshalb
„recht unglücklich“ mit dem OXG-Deal, berichten Insider. Auch wenn Drahis Emissär, Sohn David, durchaus
Elan erkennen lasse.

Handelsblatt-Informationen zufolge sollen die Briten bereits mit Investoren gesprochen haben, die den Anteil
von Altice übernehmen könnten. Vodafone äußerte sich dazu auf Anfrage nicht konkret. Der
Glasfaserausbau habe bereits begonnen und laufe „nach Plan“, hieß es. Altice betonte, derzeit keinen
Ausstieg bei OXG zu planen.

Auch beim Großprojekt Glasfaserplus, einem Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Telekom und des
australischen Investors IFM, wuchs zuletzt offenbar der Frust. Vier Millionen Anschlüsse vor allem in
ländlichen Gebieten will Chef Ralf Gresselmeyer bis 2028 verlegt haben. „Wir treiben den Glasfaserausbau
kontinuierlich voran“, sagte er dem Handelsblatt.

Insidern zufolge soll Glasfaserplus den ursprünglichen Plänen jedoch erheblich hinterherhinken. IFM sei
entsprechend enttäuscht, was auch angesichts der höheren Kosten für Konflikte sorge, hieß es. Offenbar
fühlten sich die Australier mitunter übervorteilt. IFM wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Eine
Telekom-Sprecherin schreibt von einer „vertrauensvollen“ Zusammenarbeit.

Telekom: Bonns „Mister Netz“ macht Druck

Es ist vor allem der Anschluss einzelner Haushalte, der Anbietern wie Glasfaserplus derzeit Probleme
bereitet. Während die Leitungen in Ländern wie Spanien außen verlegt oder einfach an die Hauswand
getackert werden können, gelten in Deutschland strenge Vorschriften, die Kosten wie Komplexität erhöhen.
Darunter leidet die gesamte Branche.

Selbst die vergleichsweise gut aufgestellte Telekom, die für Gresselmeyer in manchen Gebieten den Ausbau
stemmt, soll mitunter damit kämpfen, pünktlich eine Leitung bis in den Keller oder den Wohnungsflur zu
verlegen. Trotz eines erheblichen Aufwands soll sie derzeit bei den angeschlossenen Haushalten hinter den
internen Zielen zurückbleiben.

Technikchef Abdurazak Mudesir, Bonns neuer „Mister Netz“, soll deshalb intern immer wieder Druck
aufbauen. Ziel sei es, „beim Thema ‚Homes connected‘ noch besser zu werden“, teilt die Telekom dazu auf
Anfrage mit. Man habe kürzlich sogar ein eigenes Tiefbauunternehmen mit über 200 Mitarbeitern gegründet,
um „mehr Power“ zu haben.

Das Problem ist nicht trivial. Jede Straße und jedes Haus ist anders – und Immobilienbesitzer sind gerade in
Deutschland vorsichtig, wenn jemand ihre Wand aufbohren oder neue Kabel im Treppenhaus verlegen will.
Bereits das Terminmanagement der unterschiedlichen Unternehmen, die beim Neukunden vorstellig werden
müssen, überfordert viele Anbieter offenbar.

In der jetzigen Phase ist operative Exzellenz gefragt, um die Anschlüsse auch wirklich zu den Kunden zu
bringen
“, sagt Markus Keller, Telekommunikationsexperte von Egon Zehnder. Dem Management mancher
Anbieter mangele es jedoch an entsprechender Erfahrung.

Das Anschlussdilemma illustriert zudem die Intransparenz, unter der die Debatte in Deutschland bislang
leidet. Wenn Glasfaserplus-Chef Gresselmeyer in diesem Jahr etwa „mehrere 100.000 Haushalte“ neu
angeschlossen haben will, bedeutet das lediglich, dass in der jeweiligen Straße Glasfaser liegt. In der
Branche ist von „Homes passed“ die Rede. Bis zum Internetrouter verkabelt sind die Haushalte dann jedoch
längst noch nicht.

Dennoch nutzt auch das zuständige Bundesverkehrsministerium in der Regel den Homes-passed-Wert.
Doch von ihm geht eine trügerische Sicherheit aus: Während laut jüngsten Zahlen des Breitbandverbands
Breko schon 17,3 Millionen deutsche Haushalte entsprechend versorgt sind, verfügten Ende 2022 laut
Bundesnetzagentur nur 2,4 Millionen Haushalte über eine Glasfaserleitung bis in die Wohnung.
Und diese Diskrepanz dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen. So wird klar, dass die Versorgung
noch längst kein adäquates Niveau erreicht hat – auch wenn der Ausbau zuletzt schneller voranging als in
den Vorjahren.

Im Verkehrsministerium gibt man sich auf Anfrage trotzdem hoffnungsfroh. Die „Ziele der Gigabitstrategie
halten wir weiterhin für realistisch“, teilt ein Sprecher mit.
Offiziell sehen das auch die zuständigen Branchenverbände Anga, Breko und VATM so. Das Ausbauziel für
2030 sei zwar „sehr ambitioniert, aber theoretisch machbar“, heißt es auf Anfrage. Die Unternehmen
arbeiteten „mit Hochdruck“ darauf hin.

Bremst die Telekom den Glasfaser-Ausbau?

Doch in den Unternehmen klingt das anders. „Bis 2030 schaffen wir das unter den derzeitigen Bedingungen
nie im Leben
“, sagt etwa der Geschäftsführer eines großen Glasfaseranbieters. Zumal die Telekom den
Ausbau bremse, indem sie andere Anbieter durch die bloße Ankündigung abschrecke, in einem Gebiet
ebenfalls Glasfaser verlegen zu wollen.

In den meisten Regionen der Bundesrepublik lohnt sich ein Doppelausbau nicht – vor allem nicht für kleinere
Unternehmen. Laut einer Studie der Agentur WIK Consult gilt das für mehr als zwei Drittel der deutschen
Haushalte. Der Bund müsse deshalb „dem Doppelausbau von Glasfasernetzen einen Riegel vorschieben
und dafür seine Rolle als Ankeraktionär der Deutschen Telekom entsprechend wahrnehmen
“, sagte Andreas
Pfisterer, CEO der Deutschen Glasfaser, dem Handelsblatt.

Die Telekom hält das für Unsinn. „Die Prämisse der ganzen Debatte ist falsch“, betont eine Sprecherin.
Wettbewerb sorge für mehr Glasfaser – und nicht für weniger.
Unbestritten ist indes die strategische Bedeutung, die man in Bonn dem eigenen Festnetz beimisst. Die
nächsten drei Jahre seien entscheidend, um den Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern möglichst weit
auszubauen, sollen Telekom-Führungskräfte intern betont haben. Man wolle sich die Hoheit über den
Großteil des Netzes nicht nehmen lassen.

Das heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass es immer schneller geht. Auch die hochverschuldete Telekom
ächzt unter dem teuren Ausbau. Mehrere Sparprogramme sollen deshalb die Kosten abfedern.
Hinzu kommt ein Dilemma: Ein Internetkunde ist derzeit gerade dann lukrativ für die Telekom, wenn er einen
möglichst teuren DSL-Tarif bucht, der das bereits bezahlte Kupfernetz des Konzerns nutzt. Ein neuer
Glasfaseranschluss ist zunächst vor allem teuer. Oft rentiert er sich erst nach über 15 Jahren.

Den Link zur Pressemitteilung finden Sie hier.

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